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Stadtführungen gegen das Vergessen!

Ein dunkles Kapitel in der Geschichte der
Wiener Gemeindebauten

 

Mit dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1938 wurden alle jüdischen Mieter*innen aus den Wiener Gemeindebauten delogiert.

Nicht jede*r packte mit der Räumungsaufforderung die Koffer, viele versuchten mit Einsprüchen ihre oft langjährig bewohnten Gemeindewohnungen zu behalten. Doch die Versuche scheiterten, denn es gab seitens der nationalsozialistischen Stadtverwaltung einen unwiderruflichen Kündigungsgrund: „Nicht-Arier“.

Wiener Jüdinnen und Juden, die bis 1938 in den Gemeindebauten lebten, mussten neue Unterkünfte finden und wurden oftmals in menschenunwürdige Quartiere gesteckt. Nur wenigen gelang die Flucht ins sichere Ausland. Es sind daher zahlreiche Opfer des Holocausts aus den Wiener Gemeindebauten zu beklagen.

2025 jährte sich zum 80. Mal die Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus. Aus diesem Anlass fanden bereits Themenspaziergänge durch ausgewählte Gemeindebauten statt, die von den jüdischen Opfern erzählen – aber auch vom Widerstand, von der kommunalen Baupolitik der Nazis und vom Umgang mit jüdischem Eigentum vor und nach 1945.

Im Rahmen des Wiener Wohnbautages, am 06. September 2026 soll es ein weiteres Angebot an Rundgängen geben. In der Woche vor dem Wiener Wohnbautag werden vier ausgewählte Rundgänge durch die Gemeindebauten stattfinden.


Kommen Sie mit und nehmen Sie an den informativen, kostenfreien Spaziergängen teil! Näheres zu den Routen durch die Leopoldstadt, die Josefstadt/ Neubau, Meidling und die Donaustadt, sowie zur Anmeldung finden Sie weiter unten.

Kommen Sie mit! - Die Rundgänge

Wiener Wohnen bietet vier Touren an, auf denen Sie den Spuren der jüdischen Gemeindebaubewohner*innen in der Zeit der NS-Diktatur folgen können. Die Podcasterin und Buchautorin Evelyn Steinthaler führt Sie zu ausgewählten Wohnhausanlagen in verschiedenen Bezirken. Erkunden Sie mit ihr eine bedrückende Vergangenheit: Wer waren die Menschen, die ab 1938 hier innerhalb kürzester Zeit auf die Straße gesetzt wurden? Welches Schicksal mussten sie erleiden, wohin wurden sie gebracht, wurden sie verschleppt, deportiert, ermordet?

Die Dauer der einzelnen Rundgänge ist auf etwa 1,5 bis 2 Stunden anberaumt. Sie sind auch für Teilnehmer*innen mit eingeschränkter Mobilität barrierefrei.
Treffpunkt ist jeweils 10 Minuten vor Beginn beim ersten Gemeindebau.

Anmeldung
 

Wo? Wiener Wohnen Service-Nummer 05 75 75 75 sowie unter veranstaltungen@wienerwohnen.at 

Wann? Spätestens eine Woche vor dem Termin, an dem Sie teilnehmen wollen.

Wie viele? Maximal 20 Personen pro Spaziergang.
Bitte melden Sie auch etwaige Begleiter*innen an.
Die Führungen finden grundsätzlich bei jedem Wetter statt. Sollte eine aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse (Sturm, Überschwemmung) abgesagt werden müssen, verständigen wir Sie per SMS.

Hinweis: Im Rahmen der Spaziergänge werden Filmaufnahmen und Fotos gemacht. Mit der Anmeldung zur Veranstaltung stimmen Sie deren Verwendung zu.

Mehr zum Thema "Datenschutz" zu den Stadtführungen finden Sie hier, mit Klick auf diesen Link!

2. Bezirk

Der Spaziergang in der Leopoldstadt schildert Delogierungen jüdischer Wiener*innen aus Gemeindebauten, berichtet vom Widerstand des Robert Uhlir und von der Emigration Stella Klein-Löws. Hier werden wir uns auch mit den Deportationen der vormaligen Bewohner*innen der Wiener Gemeindebauten beschäftigen.
 

TERMIN

•  Sa., 05. September 2026, 14:00 Uhr

 

TREFFPUNKT

Wohnhausanlage Obere Augartenstraße 12a,
vor dem Grünstreifen
 

DIE STATIONEN

1 Wohnhausanlage Obere Augartenstraße 12-14

2 Stella Klein-Löw-Hof, Taborstraße 61

3 Heizmann-Hof, Vorgartenstraße 140 –142

 

Wohnanlage Obere Augartenstraße 12-14

1930 bis 1931 wurde diese Wohnhausanlage errichtet. Der verantwortliche Karl Schmalhofer (1871-1960) errichtete als Architekt des Wiener Stadtbauamtes zahlreiche Wohnhausanlagen für die Gemeinde Wien, wie etwa auch die Rasenstadt in Favoriten, die auch als Johann Mithlinger-Siedlung Teil unseres Rundgangs im 10. Bezirk ist. Schmalhofers bedeutendstes Werk ist aber das gemeinsam mit Otto Nadel erbaute Amalienbad.

Fritz Heller wurde am 9. Juni 1893 in Wien-Floridsdorf geboren. Schon als Jugendlicher sammelte er Schauspielerfahrung, die ihn für Theater und Kabarett begeisterten. Ab 1922 trat er regelmäßig in der Revuebühne Femina in der Johannesgasse 1 in der Inneren Stadt auf. 1929 erhielt er eine erste kleine Filmrolle im Stummfilm „Franz Lehár“ von Hans Otto Löwenstein. 1928 heiratete er die um fünf Jahre jüngere Jaroslava Breimann, geb. Kreuz. Im Dezember 1931 zogen die Hellers in eine Wohnung im neu errichteten Gemeindebau in der Oberen Augartenstraße 12-14. Die Wohnung bestand aus einem Zimmer, einem Kabinett, einem Vorzimmer und einer Küche.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland bekam Fritz Heller keine Engagements mehr. Mit 31. Juli 1938 kündigte das städtische Wohnungsamt Fritz Heller die Gemeindewohnung und er musste mit seiner Ehefrau zu seinem jüngeren Bruder Hans nach Floridsdorf ziehen. Im Zuge des Novemberpogroms wurde Fritz Heller gemeinsam mit seinem Bruder verhaftet, im Polizeigefangenenhaus Rossauer Lände inhaftiert und am 15. November 1938 ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Unter der Auflage, das Reichsgebiet zu verlassen, kamen die beiden Brüder im März 1939 frei. Sie emigrierten im April 1939 mit ihren Ehefrauen über Triest nach Shanghai. Dort war Fritz Heller erneut als Schauspieler sowie als Gelegenheitsarbeiter tätig. Hellers Vater erkrankte und verstarb im Dezember 1939 in Wien. Von Shanghai aus bemühte er sich vergeblich, seine Mutter nachzuholen. Sie wurde in eine „Sammelwohnung“ in die Herminengasse 6 in der Leopoldstadt umgesiedelt und am 28. Juli 1942 von Wien nach Theresienstadt deportiert, von wo sie am 21. September 1942 nach Treblinka überstellt wurde. Unmittelbar nach der Ankunft wurde sie dort ermordet.

Im Jänner 1947 kamen Fritz und Jaroslava Heller nach Europa zurück. Die beiden bezogen erneut eine Wohnung in der Oberen Augartenstraße 12-14. 1949 erwog er eine Emigration in die USA oder nach Australien, blieb aber in Wien und war neben seinen Theaterengagements vermehrt als Kabarettist tätig. Gemeinsam mit Karl Farkas und Hugo Wiener wurde er Mitglied des berühmten Kabarett Simpl in der Wiener Wollzeile. In den 1950er und 1960er Jahren spielte er in Filmen meist kleinere Nebenrollen – u.a. in „Der brave Soldat Schwejk“ (1960) oder „Im weißen Rößl“ (1960).
Er starb am 24. Dezember 1966 im jüdischen Altersheim in der Seegasse 9.

Gekürzte Version der Biografie von Fritz und Jaroslava Heller von Wolfgang Schellenbacher/DÖW

 

Stella-Klein-Löw-Hof, Taborstraße 61

Der Gemeindebau liegt in der ältesten Straße der Leopoldstadt, die zu den Donaubrücken und ihren Befestigungen, dem Tabor, führte. Das Grundstück, auf dem die Wohnanlage steht, wurde 1941 enteignet und 1947 restituiert. Später wechselte es durch Verkauf den Besitzer und ging 1976 an die Stadt Wien.

Dieser Gemeindebau ist nach Stella Klein-Löw benannt, an die hier eine Gedenktafel erinnert. Sie kam als Stella Herzig am 28. Jänner 1904 im galizischen Przemysl zur Welt, das heute zur Ukraine gehört. Sie wuchs in einer großbürgerlichen jüdischen Familie auf, studierte an der Universität Wien Germanistik, klassische Philologie und Psychologie und promovierte 1928. Als Studentin verkehrte sie in den Kreisen um Egon Friedell, Karl Kraus und Alfred Polgar. Sie wurde Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterjugend und später der sozialdemokratischen Studentenbewegung. In den 1920er Jahren gehörte Anna Freud zu ihren Freundinnen, auf deren Anraten sie eine Analyseausbildung begann, die sie jedoch 1932 abbrach. Sie war danach als Mittelschulprofessorin tätig. 1933 suizidierte sich ihr erster Ehemann, der Arzt Hans Klein. 1938 wurde Stella Klein-Löws zweiter Ehemann, der Physiker Moses Löw, ins KZ Dachau verschleppt. Im gleichen Jahr wurde ihre Wohnung im Gemeindebau in der Budinskygasse 10 gekündigt. Gemeinsam mit ihrem Mann, der aus Dachau entlassen wurde, gelang ihr 1939 die Flucht nach Großbritannien, wo sie zunächst als Putzfrau und Kindermädchen arbeitete.

Ab 1941 konnte Stella Klein-Löw als Lehrerin und Psychologin an einer Londoner Anstalt für schwer erziehbare Knaben arbeiteten. 1946 kehrte sie mit ihrem Ehemann nach Wien zurück. Bald arbeitete sie wieder als Lehrerin. 1970 wurde sie Direktorin des Realgymnasiums für Mädchen in Floridsdorf. Stella Klein-Löw war aktiv in der Bezirksorganisation Leopoldstadt der SPÖ, sowie als Chefredakteurin der Zeitschrift "Sozialistische Erziehung" und wirkte als Vortragende an Wiener Volkshochschulen. Von 1959 bis 1970 war sie Abgeordnete zum Nationalrat und engagierte sich in der Bildungspolitik.

Klein-Löw wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit der Otto-Glöckel-Medaille und der Viktor-Adler-Plakette. Sie starb am 7. Juni 1986 in Wien und wurde auf dem Friedhof der Feuerhalle Simmering neben ihren beiden Ehemännern Hans Klein und Moses Löw in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt.

 

Nordbahnstraße 24

Die Wohnhausanlage liegt in unmittelbarer Nähe zum Praterstern, der bereits 1564 durch die Anlegung der Achsen Praterstraße und Hauptallee konzipiert wurde. Noch um 1830 floss an der Stelle, wo heute das Wohnhaus steht, ein Seitenarm der Donau. Ein wichtiger Impuls für die Entwicklung des Gebiets war der 1865 eröffnete Nordbahnhof, der als der schönste Bahnhof Wiens galt. Wegen der schweren Schäden des Nordbahnhofs durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg wurde der Nordbahnhof 1965, hundert Jahre nach seiner Fertigstellung, abgerissen. Der Architekt Walter Muchar studierte ab 1942 bei Alexander Popp an der Akademie der bildenden Künste Wien. Nach seinen Plänen wurden ab den 1950er-Jahren mehrere Wohnhausanlagen der Gemeinde Wien errichtet.

Die Deportationen aus Wien nahmen in den Wochen nach dem „Anschluss“ ihren Anfang am Westbahnhof, die großen Verschleppungen aus den Sammellagern in der Castellezgasse 35 oder in der Kleinen Sperlgasse 2a gingen vom Aspangbahnhof im 3. Bezirk in „den Osten“. Insgesamt etwa 50.000 jüdische Wiener:innen wurden hier deportiert. Ab 1943 gingen Deportationen vom ehemals so glamourösen Nordbahnhof und dem Nordwestbahnhof weiter. Die Deportationen fanden nicht mehr in der gleichen Frequenz wie zuvor vom Aspangbahnhof statt, dennoch wurden auch von hier aus Menschen nach Theresienstadt und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. In den letzten Kriegsmonaten wurde der Nordbahnhof durch das alliierte Bombardement schwer beschädigt und als einziger Wiener Bahnhof aus dem, 19. Jahrhundert nach 1945 nicht mehr renoviert und in Betrieb genommen.

 

Heizmann-Hof, Vorgartenstraße 140-142

Der Schlosser Otto Heizmann (geb. am 28. März 1895), der einer kommunistischen Betriebszelle am Wiener Nordbahnhof angehörte, wurde zum Namensgeber für diesen Gemeindebau, der 1925/26 von Hubert Gessner geplant wurde. Heizmann wurde am 17. Februar 1942 verhaftet und nach Monaten in Haft Mitte Juli 1942 in das KZ Mauthausen überstellt, wo er am 2. August 1942 ums Leben kam. Der Gemeindebau wurde 1949 nach nach ihm benannt.

Der Architekt dieses Gemeindebaus Hubert Gessner studierte an der Akademie der bildenden Künste bei Otto Wagner, war aber zuvor bereits in verschiedenen Büros als Bauzeichner tätig gewesen.

Das Ehepaar Rosa und Oskar Lang bewohnte mit ihren vier Kindern eine kleine Hausbesorgerwohnung in der Kleinen Stadtgutgasse 5. Die Räumlichkeiten wurden zu eng, also suchte die Familie eine größere Bleibe, die schließlich im Gemeindebau in der Vorgartenstraße 140–142 Stiege 9 gefunden wurde. Die 46,61 m große Wohnung bestand aus Zimmer, Kabinett und Küche.

Oskar Lang verstarb im Jänner 1933, die inzwischen erwachsenen Söhne Wilhelm und Albert übersiedelten in andere Wohnungen. Eduard, der jüngste Sohn, war 1938 an der Adresse der Mutter gemeldet, ebenso die Tochter Anna, die nach ihrer Scheidung wieder hierher gezogen war. Die Kündigung durch den Wiener Magistrat erfolgte am 1. Juli 1938. Gegen diese Kündigung erhob Rosa Lang Einwendungen. Wie in den anderen Verfahren, die vor den Bezirksgerichten abgehandelt wurden, wurde auch in diesem Fall die Aufkündigung für rechtswirksam erklärt und die gekündigte Wohnung sollte „sofort“ zu übergeben sein, abgesehen davon wurde auch ein Kostenersatz bestimmt, der binnen 14 Tagen zu bezahlen wäre. Rosa Lang räumte ihre Wohnung vor dem Urteil und zog voerst in die Herminengasse 21. Um der Deportation zu entgehen, tauchte sie gemeinsam mit Tochter Anna im Mai 1942 unter und lebte ab diesem Zeitpunkt bis Kriegsende als „U-Boot“ in Wien. Karl Kares, Annas Lebensgefährte, wohnte zur Untermiete in einem kleinen Kabinett in der Castellezgasse 13 und versteckte dort Anna. Eduard Lang überstand die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung ebenfalls als U-Boot. Seine spätere Ehefrau, Margarete Prchal, versteckte ihn. Die gemeinsame Tochter Eva kam im November 1944 zur Welt. Um die Familie nicht zu gefährden, gab Margarete einen anderen Mann als Vater ihres Kindes an. Zeitweise kamen bei ihr auch Anna und Rosa Lang unter. Die letzten Lebensjahre verbrachte Rosa Lang bei ihrer Tochter Anna, die ihren Retter, Karl Kares, am 21. Mai 1947 geheiratet hatte. Gemeinsam übersiedelten sie in eine Wohnung in die Kleine Pfarrgasse 28. Rosa Lang verstarb am 28. März 1953, ohne jemals eine Entschädigung für ihre Verluste erhalten zu haben.

Gekürzte Version der Biografien der Familie Lang von Brigitte Ungar-Klein/DÖW

 

Robert-Uhlir-Hof, Engerthstraße 148-150

Eine Gedenktafel erinnert an den Namensgeber der Wohnhausanlage Robert Uhlir, der nach dem Bürgerkrieg 1934 einer der führenden Funktionäre der revolutionären Sozialisten war und der sich besonders für Opfer der Verfolgung einsetzte. Uhlir kam am 4. Mai 1900 in Wien zur Welt. Er wurde am 22. August 1939 festgenommen, am 20. November 1940 wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt, am 23. November 1940 wurde er aus der Haft entlassen.

Uhlir war in der jungen Zweiten Republik maßgeblich am Wiederaufbau der Sozialversicherung beteiligt, er verstarb 1982. Von 1945 gehörte Robert Uhlir bis 1966 dem Nationalrat an. 1979 wurde dieser Gemeindebau nach Robert Uhlir benannt.

Der Architekt der Wohnanlage, Edgar Göth (geb. 1933), studierte von 1952 bis 1957 an der Akademie für angewandte Kunst in Wien, wo er die Meisterklasse von Franz Schuster besuchte. Zu seinen wichtigsten Bauten gehört diese Wohnhausanlage. Der zweite Architekt Gottfried Fickl (geb. 1933) studierte ab 1952 bei Clemens Holzmeister an der Akademie der bildenden Künste Wien. Für die Gemeinde Wien war er beispielsweise in einer Arbeitsgemeinschaft an den Plänen zur Wohnhausanlage Krottenbachstraße 122 in Wien 19 beteiligt.

8. und 7. Bezirk

Dieser Spaziergang erzählt unter anderem vom jungen Erich Lessing und seiner
Mutter Margit, die bis 1938 im Ludo-Hartmann-Hof gelebt haben.
In Neubau findet sich ein Gemeindebau, der in der NS-Zeit errichtet wurde.
Zudem beschäftigen wir uns mit dem Umgang mit „arisiertem“ jüdischem Eigentum nach 1945 in Wien.
 

TERMIN

•  Mo., 31. August 2026, 17.00 Uhr

 

TREFFPUNKT

Therese-Schlesinger-Hof,
vor dem Eingang Schlösselgasse 14
 

DIE STATIONEN

1 Therese-Schlesinger-Hof, Schlösselgasse 14

2 Florianigasse 28

3 Ludo-Hartmann-Hof, Albertgasse 13 –17

4 Wohnhausanlage Stollgasse 1

5 Wohnhausanlage Mondscheingasse 9

 

Therese Schlesinger-Hof

Schlösselgasse 14

Der Therese-Schlesinger-Hof wurde 1929-1930 nach den Plänen von Cesar Poppovits erbaut. Benannt wurde die Wohnanlage nach Therese Schlesinger mit dem Gemeinderatsausschuss für Kultur vom 15. Februar 1949. Therese Schlesinger, die Namensgeberin des Hofes, wurde als eine der ersten Sozialdemokratinnen am 4. März 1919 im österreichischen Parlament für die konstituierende Nationalversammlung angelobt. Am 10. November 1920 erfolgte ihre Angelobung als Mitglied des Nationalrates. Ihre jüdische Herkunft zwang Therese Schlesinger mit 76 Jahren nach Frankreich zu emigrieren. Ihr letztes Lebensjahr verbrachte sie in einem Sanatorium in Blois im Loiretal, wo sie am 5. Juni 1940 starb.

Wilhelm Mendl (geb. 21. April 1892 in Pečky, nahe Prag) wohnte bis 1938 mit seiner Familie auf Stiege 1 Tür 17 in diesem Gemeindebau. Er war Musiker, um genauer zu sein Sänger und Schlagwerker u.a. in der Arche Noah Tanzbar, so hat er es am 11. Mai 1938 in den Fragebogen der Auswanderungsabteilung der Fürsorge Zentrale der IKG Wien geschrieben. Wilhelm Mendl hatte 1922 Irene, geborene Weil, geheiratet. Am 5. Mai 1924 war Tochter Johanna zur Welt gekommen. Es sind keine Unterlagen erhalten, wie Wilhelm Mendl auf die Kündigung 1938 der Wohnung reagierte. Wir wissen nur, dass seine letzte Adresse in Wien am Alsergrund, die Berggasse 29 Türnummer 35 war. Am 26. Oktober 1939 wurde er nach Nisko deportiert. Seine Frau Irene und seine Tochter Johanna blieben noch fast drei Jahre in Wien. Ihre letzte Adresse befand sich am Salzgries 10 Tür 6 in der Inneren Stadt. Die beiden Frauen (Irene 46jährig und Johanna 18 Jahre alt) wurden mit dem Transport 27 am 14. Juni 1942 von Wien in das Vernichtungslager Sobibor deportiert.

 

Florianigasse 28

Frimet Bloch lebte bis 1938 im Dr. Kronawetter Hof, Stiege 3 Tür 10 in der Pfeilgasse.

Wenn auch die menschenunwürdigen Unterbringungen in den Sammelwohnungen im 2. Bezirk, der in Teilen zu einem Art Ghetto wurde, vor allem bekannt sind, so gab es über die Stadt verteilt, letzte Adressen von Wiener Jüdinnen und Juden, die aus den Gemeindebauten delogiert wurden, wie hier in der Florianigasse 28. Frimet war 64 Jahre alt, Ettel 65 Jahre, als sie am 5. März 1941 mit 997 weiteren jüdischen Frauen, Männern und Kindern deportiert wurden. Von den 999 Jüdinnen und Juden aus Wien im Ghetto Modliborzyc überlebten nur 13. Frimet und Ettel Bloch gehörten nicht zu ihnen.

 

Ludo-Hartmann-Hof

Albertgasse 13-17

Der Namensgeber Ludo Hartmann (1865-1924) ist vor allem als großer Volksbildner bekannt, der die Bildung der breiten Masse als demokratiepolitische Notwendigkeit verstand. So rief er etwa 1895 an der Universität Wien die "Volkstümlichen Universitätsvorträge“ ins Leben, die allen Menschen zugänglich waren, auch jenen, die nicht zu Studien zugelassen wurden. Von Dezember 1920 bis zu seinem Tod am 14. November 1924 war er Mitglied des Bundesrates. Hartmann verstarb im 59. Lebensjahr an einem Schlaganfall. Der Prokurist Moses Gottesmann, am 5. August 1874 in Cerznowitz zur Welt gekommen, wohnte hier auf Stiege 2 Tür 17. Die Aufkündigung des Wohnverhältnisses vom 1. Juni 1938 ist ebenso erhalten, wie die handschriftliche Kündigung von Herrn Gottesmann selbst, datiert vom 31. Mai 1938. Er musste mit seiner Frau Lotte (geb. am 24. März 1878) und Tochter Mathilde (geb. am 4. Juli 1920) in den 2. Bezirk übersiedeln, ihre letzte Adresse war die Große Sperlgasse 37a, auf Tür Nr. 11. 130 jüdische Frauen, Kinder und Männer mussten hier in schrecklichen Verhältnissen leben, bis sie deportiert wurden. Die Familie Gottesmann wurde am 1. Oktober 1942 nach Theresienstadt verschleppt, Moses starb dort nur wenige Monate später am 19. Februar 1943. Tochter Mathilde musste am 29. Januar 1943 „auf Transport“ nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde. Lotte Gottesmann überlebte.

Hier im Ludo-Hartmann-Hof wohnte auf Stiege 2 Tür 18 bis 1938 auch der am 13. Juli 1923 geborene Erich Lessing. Er lebte hier mit seiner Mutter Margit Lessing, geb. Schwarz, einer Konzertpianistin, die am 22. Juli 1895 zur Welt gekommen war. Sein Vater, Dr. Heinrich Lessing, ein Dentist, war bereits 1933 verstorben. Erich besuchte das dem Gemeindebau gegenüberliegende Gymnasium, ehe er wie alle jüdischen Schüler*innen in Wien in eine "Sammelklasse" gezwungen wurde, da es nach dem sogenannten „Anschluss“ nicht mehr erlaubt war, „arische“ und jüdische Schüler*innen gemeinsam zu unterrichten. Margit Lessing wartete nicht auf die drohende Delogierung, sondern kümmerte sich darum, dass Erich und sie selbst nebenan, im Haus Albertgasse 19 auf Tür Nr. 8 unterkamen. Erich verliess im Dezember 1939 Wien und konnte ins Mandatsgebiet Palästina gelangen, wo er das renommierte Technion in Haifa besuchte. Seine Mutter musste am 12. November 1941 in das Ghetto im 2. Bezirk übersiedeln, wo sie mit ihrer Mutter in der Lilienbrunngasse 11 unterkam, wo weitere 84 Personen in Sammelwohnungen zusammengepfercht untergebracht waren. Aus dem Juli 1942 datiert der letzte erhaltene Kontakt zwischen Mutter und Sohn. Am 1. Oktober 1942 wurde Margit Lessing nach Theresienstadt deportiert, wo ihre Mutter starb und von wo sie am 6. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz verschleppt wurde. Margit Lessing wurde in Auschwitz ermordet. Der junge Erich arbeitete u.a. in einem Kibbuz und begann sich mit seinem Jugendhobby Fotografie auseinanderzusetzen. Er kehrte über Italien 1947 nach Wien zurück und wurde zu einem der bedeutendsten österreichischen Fotografen. Erich Lessing arbeitete für große internationale Magazine und war Mitglied der Associated Press und der legendären Fotoagentur Magnum Photos. Figls Staatsvertrag-Foto, Belvedere 1955, gehört sicherlich zu den berühmtesten Arbeiten von Erich Lessing. Er starb am 29. August 2018 in Wien.

 

Schottenfeldgasse 76

Unter den aus dem Karl-Marx-Hof delogierten Mieter*innen befanden sich auch das Ehepaar Hilde und Karl Fürth. Hier an dieser Adresse stehen wir vor der letzten bekannten Adresse der beiden in Wien. Karl kam am 1. November 1893 in Münchengrätz, dem tschechischen Mnichovo Hradiště, zur Welt. Hilde war gebürtig aus Piedekoutz, dem heutigen Nepolokiwzi im ukrainischen Oblast Tscherniwzi, wo sie am 1. Januar 1894 zur Welt kam. In den Archiven, die über andere Auskunft geben können, findet sich zu Hilde und Karl kaum etwas, außer dass Karl Bankbeamter war und dass die beiden mit dem Transport Nr. 25 am 5. Juni 1942 von Wien in das kleine Izbica im polnischen Distrikt Lublin deportiert wurden.

Nur 14 der tausende aus Izbica Deportierten haben die Vernichtungslager überlebt. Hilde und Karl Fürth waren nicht unter den Überlebenden.

 

Schottenfeldgasse 60 – Bethaus

Bis zum Novemberpogrom 1938 befand sich hier in der Schottenfeldgasse 60 ein Bethaus des Vereins Binjon Chudosch. 1939 ging das Vermögen des Vereins an das dafür eingerichtete Amt des Stillhaltekommissars, der Trägerverein wurde aus dem Vereinsregister gelöscht. Das Gebäude wurde arisiert. Nach dem Krieg bekamen die ehemaligen Eigentümer weder das Gebäude zurück, noch wurde es finanziell restituiert. Versuche, an dem Haus eine Gedenktafel anzubringen, scheiterten, also wurde hier 2004 vor dem Haus – auf öffentlichem Grund – eine Erinnerungs-Stele angebracht.

 

Wohnhausanlage Stollgasse 1

Im Jahre 1941 wurde die Liegenschaft, auf der die in den 1950er Jahren von Siedek und Kritsch geplante städtische Wohnhausanlage in der Stollgasse steht, in die Grundbücher für die Stadt Wien eingetragen. Das Gebäude, das dort bis dahin existierte, sollte abgerissen werden, um einerseits eine Verbindungsstraße zwischen der Stollgasse und der Lindengasse zu schaffen, wie wir sie heute mit der Überbrückung durch einen Teil der Wohnhausanlage vor uns haben. Andererseits war der Bedarf an Wohnraum in den 1950er Jahren sehr groß, weshalb man schnell viele neue Wohnungen brauchte.  Dies ist aber nicht der Grund, weshalb wir auf diesem Spaziergang auch hier Station machen. Es geht vielmehr um die beiden jüdische Familien Guttmann und Weisberger, die auf derselben Liegenschaft auf der nun die Wohnhausanlage steht, ihr Eigentum hatten. Dieses wurde ihnen während der Arisierungsprozesse der Nationalsozialisten geraubt. Aufgrund der ungerechten Rückstellungsprozesse in den 1950 Jahren zog sich die Entschädigung an die Überlebenden bis ins Jahr 2009.

 

Mondscheingasse 9

An Stelle des späteren Gemeindebaus wurde im Dezember 1887 das erste Wiener Volksbad mit Duschen und damit das erste „Tröpferlbad“ Europas eröffnet. Bereits im ersten Jahr sollen rund 78.000 Personen das Tröpferlbad, das über 42 Brausezellen für Männer und 28 Brausezellen für Frauen verfügte, genützt haben. 1908 wurde es in die Hermanngasse umgesiedelt. Hier sollte es noch dauern, ehe es zur Errichtung des Gemeindebaus kam. In den Jahren des Austrofaschismus wurde hier von der Stadt ein Gebäude als Assanierungsbau mit 19 Wohnungen geplant. Umgesetzt wurde der Bau leicht verändert und erst nach dem sogenannten „Anschluss“ in den Jahren 1939/1940. Die Wohnungen waren überdurchschnittlich groß, sie verfügten über aufwendig angelegte Fenster und Badezimmer sowie Zentralheizung. Sie waren schließlich für NS-Parteifunktionäre vorgesehen.

Ein Blick auf die Plastik an der Wand des Gemeindebaus: Entsprechend der im Nationalsozialismus stark propagierten germanischen Sagenwelt wurde dieser Gemeindebau mit Ferdinand Opitz Terracotta-Arbeit „Siegfried als Drachentöter“ geschmückt. Opitz trat laut seinem Antrag in die Reichskulturkammer am 1. Jänner 1938 der NSDAP bei und wurde Referent für Bildhauerei in der Reichskulturkammer für bildende Künste, Landesleitung Wien. Ab Oktober 1938 war er Leiter der Fachklasse für Bildhauerei an der Kunstgewebeschule. Im Juni 1945 wurde er nach dem Verbotsgesetz aus der Hochschule für angewandte Kunst entlassen. Mit zweifelhaften Entlastungsschreiben gelang es Opitz 1947 als minderbelastet eingestuft zu werden. 1949 setzte er seine künstlerische Arbeit fort, er starb 1960 in Wien.

Der finale Entwurf des Hauses stammte von Walter Pind, der nach der Staatsgewebeschule bei Peter Behrens an der Akademie der bildenden Künste in Wien studierte. Pind, bei der Stadt in der Abteilung Hochbau als Architekt Teil der Beamtenschaft, gehörte später zum Stadtbauamt. In den Jahren des Austrofaschismus entwarf Pind etwa die Konvent Kirche auf der Simmeringer Hauptstraße 173-175 für den Orden der „Schwestern von der schmerzhaften Mutter“. Der 1903 geborene Walter Pind fiel 1944 als Soldat der deutschen Wehrmacht unweit von Budapest.

12. Bezirk

Der Spaziergang durch ausgewählte Meidlinger Gemeindebauten erzählt sowohl neben den Schicksalen einfacher jüdischer Gemeindebaubewohner*innen, als auch vom Bildhauer Siegfried Charoux und dem Tonkünstler Josef Paul Frankl, deren Lebenswege und künstlerisches Schaffen mit Meidlinger Gemeindebauten in Verbindung standen. Weiters wird der Spaziergang auch den Bürgerkrieg 1934 in den Meidlinger Gemeindebauten aufgreifen und vom Widerstandskämpfer Fritz Pollak erzählen.

 

TERMIN

Fr., 04. September 2026, 17:00 Uhr

 

TREFFPUNKT
Vor dem Eingang VHS Meidling gegenüber Lorenshof,
Längenfeldgasse 13-15

 

DIE STATIONEN

1 Lorenshof, Längenfeldgasse 14-18

2 Bebelhof, Steinbauergasse 36

3 Liebknechthof, Böckhgasse 2-4

4 Reismannhof, Am Fuchsenfeld 1-3

5 Fuchsenfeldhof, Längenfeldgasse 68

 

Lorenshof

Längenfeldgasse 14-16

Der 1880 in Wien zur Welt gekommene Otto Prutscher studierte bis 1901 bei Josef Hoffmann an der Wiener Kunstgewerbeschule und arbeitete später auch in dessen Büro. Für die Wiener Werkstätten beschäftigte sich Prutscher vor allem mit Inneneinrichtungen. Im seiner späteren Karriere entwarf Prutscher neben mehreren Wohnhausanlagen für die Gemeinde Wien auch private Villen. Er war mit Helene Süßmandl verheiratet, deren jüdische Herkunft zu seiner Zwangspensionierung 1939 führte. Gemeinsam mit den beiden Töchtern überlebten die Prutschers den Krieg in Wien. 1947 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Architektur. Beigesetzt wurde Otto Prutscher 1949 in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Der praktische Arzt Dr. Ernst Ledofsky lebte und arbeitete auf Stiege 7 Tür 6 hier im Lorenshof. Er war gebürtiger Wiener, Jahrgang 1898 und seit 1921 mit Margarethe Blau, einer Opernsängerin, die 9 Jahre jünger war, verheiratet. Der Stempel des Bezirksgerichts Meidling auf dem Vermerk, wie die „Delogierung“ vorzugehen hatte, nennt den 24. Mai 1938 als Datum. Mit 1. Juli sollte die Räumung der Wohnung, bestehend aus 2 Zimmern, Küche, Vorzimmer, Kabinett, Balkon, Ordination und Warteraum, erfolgen. Auf Einspruch wurde eine Verlängerung der Kündigungsfrist bewilligt, bis 15. Juli. Die N.S.-Ärzteschaft hatte schon die Wohnung mit Ordination für einen „arischen“ Arzt vorgesehen: Dr. Fritz Sedalczek übernahm die Wohnung mit Ordination.

Die Franz-Hochedlinger-Gasse 24 im 2. Bezirk war letzte Wiener Adresse Ernst Ledofskys, an der nicht nur 62 Personen in sogenannten Sammelwohnungen zusammengepfercht worden waren, sondern wo auch seine Eltern David und Klara untergebracht waren. Die Adresse auf den Anträgen an die Ausreisestelle der Israelitischen Kultusgemeinde, für seine Ehefrau und ihn selbst war aber die Aegydigasse 5 im 6. Bezirk. Das Ehepaar Ledofsky wolle in die USA, Australien oder Kolumbien. Am 9. März 1940 verlies der Dampfer „Pennland“ den Antwerpener Hafen Richtung New York. An Bord Margarethe Ledofsky. In den Aufzeichnungen der New Yorker Einwanderungsbehörden ist bei ihrem Namen notiert, dass sie die Passage selbst bezahlt habe und dass sie weiter nach San Francisco reisen wolle. Dies passt alles mit den Anstrengungen ihres Mannes Ernst Ledofsky zusammen, die sich in den Materialien aus Wien wiederfinden. Es lässt sich aus den vorhandenen Unterlagen allerdings nicht verifizieren, warum sie alleine gereist war. Anzunehmen ist aber, dass es keine finanziellen Möglichkeiten gab, dass sie gemeinsam ausreisen konnten. So wurde sie vorgeschickt, wie es bis heute oftmals in Familien der Fall ist, wenn Familien flüchten müssen. Wie weit die Hoffnung weiterhin bestand, Dr. Ledofsky können nachkommen, ist nicht belegbar. Gemeinsam mit seinen Eltern David und Klara Ledofsky wurde er am 6. Mai 1942 deportiert. Auf der Liste des Transport 19 findet sich neben dem Datumsstempel auch der Zielort: Minsk. Ernst Ledofsky wurde gemeinsam mit seinen Eltern von dort in den Wald bei Maly Trostinec gebracht und gehört zu den tausenden österreichischen Juden, die dort kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Margarete heiratete erneut 1943 in den USA, und zwar den gebürtigen Wiener Paul Gutfreund. Sie starb 1966 in Los Angeles.

 

Bebelhof

Steinbauergasse 36

Der Bebelhof wurde von Karl Ehn, dem Architekt des Karl-Marx-Hofes entworfen, Ehn kam 1884 in Wien zur Welt und studierte nach der Staatsgewerbeschule bei Otto Wagner. Noch vor dem Ersten Weltkrieg begann er im Wiener Stadtbauamt zu arbeiten und gehörte ab den 1920er Jahren zu jenen Architekten, die für den sozialen Wohnbau hauptzuständig waren. Ehn war in den Jahren des Austrofaschismus weiter als Architekt der Stadt tätig, und entwarf auch weitere Gemeindebauten, die insgesamt nicht dem Format seiner Entwürfe aus dem Roten Wien entsprachen. Selbst in den Jahren des nationalsozialistischen Terrors arbeitete er weiter als Beamter und wurde 1944 als Oberbaurrat gewürdigt. Ehn war in seiner Karriere neben seiner führenden Position im Stadtbauamt auch Leiter des Siedlungsamtes. Aus den Jahren von 1939 bis 1945 ist lediglich ein Auftrag Ehns bekannt, die 1944 durchgeführte Errichtung einer Tankstelle in der Brigittenau, genauer in der Traisengasse 19. Auch in den ersten Nachkriegsjahren arbeitete Ehn bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1950 weiter für den städtischen Wohnbau. Im Jahr 1959 starb Karl Ehn.


Auf Stiege 7, Türnummer 9 hier im Bebelhof lebte Richard Getzl mit seiner Ehefrau Kamilla (geb. Ranzenhofer) und der jüngeren Tochter Gerda (Jg. 1925) seit vielen Jahren. Richard war am 31. Dezember 1894 in Klosterneuburg zur Welt gekommen und gelernter Eisendreher, er war aber auch als Kaufmann tätig. Kamilla und er hatten 1923 in Wien geheiratet. Die erhaltenen Unterlagen beinhalten ein handschriftliches Schreiben, in dem er um Aufschub der Kündigung bis 30. November bittet, da „ich die feste Absicht habe, spätestens Dezember 1938 auszuwandern“. Im gleichen Schreiben führt er auch aus, dass er im Ersten Weltkrieg von Oktober 1914 bis Nov. 1918 im Frontdiensteinsatz war und eine bleibende Verletzung davon getragen hatte. Kamilla, deren Familie aus Böhmen stammte, war 1897 in Aspersdorf zur Welt gekommen. Sie war, wie die ältere Tochter Marta, die 1913 unehelich zur Welt gekommen war, gelernte Schneiderin. Marta war 1938 mit den 7 Jahre älteren gebürtigen Wiener Jakob Kandel verheiratet, mit dem sie insgesamt 3 Kinder hatte. Jakob arbeitete fahrender Diamantenhändler. Das die beiden nach Belgien flüchteten, scheint aus heutiger Sicht logisch. Dort wurden aber Marta, Jakob und die drei Kinder 1943 verhaftet und über das Durchgangslager im flämischen Mechelen nach Auschwitz deportiert. Niemand überlebte.

Richard Getzl, dessen Namen Marta nach der Hochzeit mit ihrer Mutter annahm, war der Hauptmieter der Wohnung hier auf Stiege 7 hatte am 30. Mai 1938 den Fragebogen der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde ausgefüllt. Er gab darin mit Lajos Schwarz, den Schwager von Kamilla, seiner Ehefrau, an, der in den USA auf Long Island lebte. Der Aufschub wurde nicht gewährt. Die letzte Adresse der Getzls in Wien war die Försterstraße 7 im 2. Bezirk, wo viele Menschen in Sammelwohnungen zusammengepfercht worden waren. Auf der Transportliste vom 14. September 1942 nach Minsk finden sich die Namen von Richard und Gerda, seiner Tochter. Die beiden wurden nach ihrer Ankunft in Maly Trostinec ermordet. Seine Ehefrau Kamilla fehlt auf der Liste. Sie starb am 12. Juli 1941 im jüdischen Krankenhaus in der Malzgasse im 2. Bezirk.

 

Liebknechthof

Böckhgasse 2-4

Karl Alois Krist beendete 1904 seine Ausbildung an der k.k. Staatsgewerbeschule. Obwohl er danach schon als Architekt arbeitete, war er dennoch als außerordentlicher Hörer an der Technischen Hochschule eingetragen. Ab 1913 studierte er an der Akademie der bildenden Künste. Wenig später begann er für das Wiener Stadtbauamt zu arbeiten und gründete gemeinsam mit Viktor Nowak und Franz Wafler eine eigene Baugesellschaft, die immer wieder mit der Stadt zusammenarbeitete. Krist wurde 1938 wegen seiner politischen Haltung zwangspensioniert. Mit nur 58 Jahren starb Krist 1941. Das heutige Wiener Stadtbild wird von Krist nicht nur durch den Liebknechthof geprägt, sondern auch der Anton-Schrammel-Hof im 11. Bezirk und durch seine Beteiligung am George-Washington-Hof, der zu den größten Gemeindebauten des Roten Wiens gehört. Der Liebknechthof wurde 1926-1927 errichtet und beherbergt heute 429 Wohnungen.

Auf Stiege 5 Tür 7 im Liebknechthof wohnte bis 1938 die Familie Sturm. Moses und Cäcilie (geb. Huber), die Eltern, Herbert (Jg. 1924), Otto (Jg. 1925), Liselotte (Jg. 1937) die drei Kinder. Moses war 1899 im heutigen ukrainischen Storozynetz zur Welt gekommen, Cäcilie wurde 1909 in Wien geboren. 1924 heirateten die beiden in Wien. Im gleichen Jahr kam Sohn Otto zur Welt. Moses arbeitete als Chauffeur in Wien. Die Wohnung der Sturms hier im Liebknechthof bestand aus einem Zimmer, dem Vorraum und der Küche.

 

Unter den gefundenen Unterlagen finden sich keine Hinweise darauf, dass Moses Sturm um einen Aufschub der Kündigung bat oder dass er den Fragenbogen der Auswanderungsabteilung der israelitischen Kultusgemeinde ausgefüllt hatte. Wir wissen dennoch, das die Familie es nach Antwerpen geschafft hatte. Wann sie genau verhaftet wurden, wissen wir nicht. Auch nicht, warum sie nicht wie andere jüdische Personen direkt von Belgien aus deportiert wurden. Wir wissen aber, dass der Deportationsort der Sturms Ste. Livrade-Villemur-Bordeaux, im Südwesten Frankreichs war. Von dort kamen sie nach Auschwitz. Der 1. August 1942 gilt als der Todestag von Moses Sturm. Cäcilie, der 18jährige Herbert und die 5jährige Liselotte wurden am 8. September 1942 in Auschwitz ermordet. Sohn Otto war 17 Jahre alt, als er am 29. September 1942 in Auschwitz starb.

Cäcilies Eltern, Malvine und Markus Huber wurden 1942 im Ghetto von Riga ermordet.

 

Reismannhof

Am Fuchsenfeld 1-3

Der in den Jahren 1924-25 errichtete Reismannhof wurde von den beiden Architekten Hermann Aichinger und Heinrich Schmid geplant. Sowohl der gebürtige Oberösterreicher Aichinger als auch Waidhofner Schmid studierten an der Akademie der bildenden Künste bei Otto Wagner. Ihr 1912 gemeinsam gegründetes Architekturbüro erhielt zahlreiche Aufträge des Wohnbauprogramms des Roten Wiens. Auch in den späten 1930er- und in den 1940er-Jahren erhielt das Büro weitere Aufträge, die bis heute das Stadtbild prägen, wie etwa Wohn- und Geschäftshaus "Bärenmühle" in der Operngasse und das RAVAG-Gebäude bzw. spätere Radiokulturhaus in Argentinierstraße 30a, das sie gemeinsam mit Clemens Holzmeister planten, und das Hanusch-Krankenhaus, das 1914 errichtet wurde. Zu den von ihnen geplanten zahlreichen städtischen Wohnhausanlagen gehört etwa der Rabenhof und der Julius-Popp-Hof. Die gemeinsame Arbeit setzten Schmid & Aichinger bis zu Schmids Tod 1949 fort. Hermann Aichinger starb 1962.

 

Der „Reismannhof", für den wir uns heute interessieren, zählt mit dem auf der gegenüberliegenden Seite der Längenfeldgasse angesiedelten Fuchsenfeldhof zu den ersten kommunalen Wohnbauten des Roten Wiens. 1949 wurde dem Gemeindebau der Name „Reismannhof“ gegeben und erinnerte damit an den im KZ-Auschwitz ermordeten sozialdemokratischen Gemeinderat Edmund Reismann. Zusammen mit der 1922 errichteten Wohnhausanlage "Fuchsenfeldhof" bildet der Reismannhof ein einheitliches Wohnviertel mit insgesamt etwa 1.100 Wohnungen. Die gesamte Anlage wurde von Schmid & Aichinger in drei Bauetappen zwischen 1922 und 1925 errichtet, wobei der Reismannhof in der dritten Phase gebaut wurde.

 

Wenn sie schon mal am Judenplatz im 1. Bezirk vorbei gekommen sind, wird ihnen die Skulptur Gotthold Ephraim Lessings aufgefallen sein. Pläne eine Lessing Statue hier zu errichten gab es bereits 1910, dennoch sollte es 25 Jahre dauern bis „der erste Lessing“ des Bildhauers Siegfried Charoux hier aufgestellt wurde. Warum ist das hier im „Reismannhof“ für uns interessant?

Charoux hatte hier auf Stiege 30, Tür 1 ein Atelier mit rund 85 m2 gemietet. Gemeindebauten aus dem Roten Wien waren neben Waschküchen und Kindergärten oftmals mit Ateliers für Künstler:innen ausgestattet, so eben auch hier in diesem Gemeindebau. Auch wenn es aus dem Juni 1938 eine Kündigung für das Atelier gab, Charoux war Jude, so musste sich der Bildhauer nicht um seine mögliche Ausreise sorgen. Siegfried Charoux lebte seit 1936 in London, wohin er aus politischen Gründen geflüchtet war. Aus London erfolgte die Kündigung, interessant ist hier aber nicht nur, dass ein international bekannter Bildhauer hier ein Atelier nutzte, sondern, was nach der Kündigung des selbigen im Jahr 1938 geschah. Erhalten sind dazu mehrere Unterlagen, das Atelier ging an Otto Wondrak, einen Bildhauer, der in einer SS-Motorstaffel als SS-Rottenführer tätig war und mit seinem Parteieintritt von 1928 als „alter Kämpfer“ galt. Wondrak war in der NS-Zeit an der Angewandten tätig.

 

Die 1935 aufgestellte Lessing Skulptur wurde 1939 von den Nationalsozialisten zerstört. Die Bronze eingeschmolzen. In den 1960er Jahren schuf Charoux eine neuerliche Lessing Skulptur, die aber zu seinen Lebzeiten nicht wieder am Judenplatz aufgestellt worden war, sondern erst im Jahr nach seinem Tod, 1968 am Franz Josefs-Kai errichtet wurde. Erst 1981 kam Charoux „zweiter Lessing“ an seinen heutigen Standplatz, auf dem Judenplatz.

 

Fuchsenfeldhof

Längenfeldgasse 68

Dieser Gemeindebau wurde ja, wie schon erwähnt, ebenfalls von Hermann Aichinger und Heinrich Schmid geplant. Heute gibt es hier 453 Wohnungen auf insgesamt 24 Stiegen. Benannt ist der Hof nach dem Flurnamen „Fuchsenfeld“. In den 1920er Jahren gab es intensive Diskussionen in Wien ob nun die Volkspaläste, also nach außen abgeschlossene Hofanlagen oder das Prinzip der offenen Gartenstadt die richtige Form des öffentlichen Wohnbaus entspricht. Hier sehen wir eine Wohnhausanlage, die dem Konzept des Volkspalastes entspricht. Ursprünglich verfügte der Fuchsenfeldhof neben den Wohnungen etwa einer zentralen Waschküche, einem Plantschbecken für Kinder, das im Winter zum Eislaufen verwendet wurde, einen Kindergarten, eine Bibliothek und einer Kinderbücherei und einem Kindergarten. Während des Bürgerkrieges im Februar 1934 gehörte der Fuchsenfeldhof zu den zentralen Orten des Kampfes gegen den Austrofaschismus. Von hier aus unternahmen Schutzbündler am 13. Februar einen Angriff Richtung Reumannhof, um dort die zusammengezogene Heimwehr und Polizei zurückzudrängen. Sie sahen sich aber einer Übermacht gegenüber und konnten sich nicht durchsetzen. Am 14. Februar wurden die beiden Gemeindebauten hier besetzt und durchsucht. Am 15. Februar war schließlich der Kampf vorüber.

Auf Seiten des Schutzbundes gab es im Fuchsenfeldhof zwei Todesopfer, auf Seiten der Regierungstruppen eines. Unmittelbar danach kam es zum Verbot der SDAP und sämtlicher ihr nahestehender Organisationen.

Fritz Pollak, der in den Jahren der Ersten Republik in der Gemeindewohnanlage am Tivoli, in der Egger-Lienz-Gasse wohnte, gehörte zu jenen Schutzbündlern die sich hier im Fuchsenfeldhof verbarrikadiert hatten. Er wurde sofort nach dem Februaraufstand als Schutzbundkämpfer verhaftet und in das Wiener Polizeigefangenenhaus Roßauer Lände, die "Liesl", wie das Gefängnis nach dem früheren Namen der Adresse Elisabethpromenade genannt wurde, gebracht wurde, wo er von 14. Februar bis 6. November 1934 inhaftiert war.

Wenig später wurde Pollak Mitglied der Revolutionären Sozialisten, wie auch Rosa Jochmann oder Franz Olah. Die folgenden Jahre waren für Fritz Pollak durch Widerstandsarbeit und mehrere Verhaftungen geprägt. Nach dem sogenannten „Anschluss“ änderte sich wenig daran.

Nachdem Fritz Pollak am 20. September in Gestapo-Haft am Morzinplatz genommen wurde, verschleppte man ihn 22. September 1939 ins Konzentrationslager Buchenwald. Dort war Fritz Pollak im politischen Widerstand organisiert und überlebte trotz der fürchterlichen Zustände im KZ und seiner stark geschwächten Gesundheit. Er kehrte nach Wien zurück und wohnte fortan nun hier im Fuchsenfeldhof, an der Adresse Karl-Löwe-Gasse 15/20/10.

Durch die Lagerzeit erholte sich Fritz Pollaks Gesundheit nicht mehr und er musste immer wieder ins Krankenhaus, schließlich starb er am 25. Oktober 1971, während eines Krankenhausaufenthalts. Beigesetzt wurde der große Wiener im Burgenland, am Friedhof von Weingraben, wohin er mit seiner zweiten Ehefrau Therese immer wieder seine Freizeit verbrachte.

22. Bezirk

Der Spaziergang durch die Donaustadt führt uns unter anderem zum Goethehof, dessen Geschichte gerade in den Jahren des Austrofaschismus und des nationalsozialistischen Terrors von großem Interesse ist. Auch auf dieser Route wird nicht darauf verzichtet, von jenen jüdischen Wiener*innen zu berichten, die hier nach dem „Anschluss“ aus den Gemeindebauten delogiert wurden.
 

TERMINE:

•  Mi., 02. September 2026, 17.00 Uhr

 

TREFFPUNKT

Gemeindebau Meißnergasse 4–6,
rechts vom Hofeingang

 

DIE STATIONEN

1 Wohnhausanlage Meißnergasse 4-6

2 Goethehof, Schüttaustraße 1–39

3 Schüttauhof, Am Kaisermühlendamm

55–57

 

Wohnhausanlage Meißnergasse 4-6

In den Jahren 1925 und 1926 wurde die Wohnhausanlage mit 123 Wohnungen in der Meißnergasse 4-6 nach Entwürfen der Architekten Karl Richard Felsenstein (1878-1932) und Hans Seitl errichtet. Felsenstein besuchte erst die Höhere Staatsgewerbeschule in Wien und ab 1904 die Meisterklasse von Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste. Vor dem Ersten Weltkrieg war Felsenstein u.a. am Ausbau der Neuen Hofburg und der Errichtung der Handelskammer beteiligt. Nach 1918 machte er sich als Architekt selbstständig. Sein größtes realisiertes Werk als selbständiger Architekt in Wien ist die gemeinsam mit Hans Seitl entworfene Wohnhausanlage hier in der Meißnergasse. Seitl (1886-1958) studierte ab 1901 an der Technischen Hochschule Wien und war an der Baufirma J. Seitl & Al. Klee beteiligt, die eine Reihe von Mietshäusern in Wien errichtete.

Der Gemeindebau hier in der Meißnergasse wurde in den 1930er Jahren als „rote Festung“ bezeichnet. Dass diese Zuschreibung nicht aus der Luft gegriffen war, zeigte sich vor allem während der Februarkämpfe 1934.

Auf Stiege IV, Tür 7 lebte die Familie Wundsam. Anna und Georg Wundsam waren beide in der Sozialdemokratie aktiv, Georg war Mitglied des Republikanischen Schutzbundes. Die Kinder Hildegard (geb. 12. September 1920) und Othmar (geb. 23. Oktober 1922) waren bei den Kinderfreunden und den Roten Falken aktiv. Anna und Georg, die Eltern, waren an den Februarkämpfen 1934 als überzeugte Sozialdemokrat*innen aktiv beteiligt. Anna half u.a. beim Barikadenbau, Georg war Sanitäter. Nachdem sowohl der Vater, der vom austrofaschistischen Ständestaat nach der Niederschlagung des Arbeiter*innenaufstandes für sechs Monate im Anhaltelager Wöllersdorf inhaftiert worden war und auch die Mutter für zwei Monate ins Gefängnis kam, blieben Othmar, gerade 12 Jahre alt und seine 14jährige Schwester Hilde, auf fremde Hilfe und Unterstützung angewiesen, die in Form der „Roten Hilfe“ und der Quäker Gestalt annahm. Othmar, Otto genannt, war wie seine Schwester Hilde schon in der Jugend politisch aktiv. 1936 ließen sich Anna und Georg Wundsam scheiden. Beide Kinder waren schon früh politisch organisiert. Der 17jährige trat 1939 der KPÖ bei und beteiligte sich an illegalen Aktionen gegen das NS-Regime. Bereits im gleichen Jahr wurden Bruder und Schwester wegen Besitz eines Flugblattes mit kommunistischen Parolen festgenommen. Otto übernahm die Verantwortung, um seine Schwester zu schützen. Er wurde von der Gestapo erkennungsdienstlich erfasst und kam ohne Anklage für neun Monate in Haft. Nach diesen Haftmonaten schloss er seine Lehre zum kaufmännischen Angestellten ab. Wenig später wurde Otto zur Wehrmacht eingezogen. Der zeichnerisch talentierte Otto begann an der Ostfront den Horror des Krieges zu zeichnen. Hilde studierte von 1941 bis 1944 an der Wiener Frauenakademie Bildhauerei. Als Otto im März 1944 auf Fronturlaub bei seiner Familie in der Meißnergasse war, wurde er gemeinsam mit seiner Schwester und der Mutter wegen „Feindbegünstigung“ festgenommen. Die Wundsams hatten gemeinsam mit der befreundeten Familie Hochmeister den von der Sowjetunion eingesetzten Fallschirmspringer Josef Zettler versteckt. Per Feldurteil vom 24. Oktober1944 wurde Otto Wundsam zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 2. Dezember 1944 wurde er ins KZ Buchenwald eingewiesen und von dort wenige Tage später, am 7. Dezember 1944 in das KZ Mittelbau (Dora) überstellt, von hier kam er noch ins KZ Mauthausen, musste von dort aber noch in das Mauthausen-Außenlager Steyr-Münichholz weiter, wo er am 5. Mai 1945 die Befreiung erlebte. Seine Mutter Anna und Hilde wurden zeitgleich mit Otto verhaftet und kamen ins Frauen-KZ Ravensbrück. Mutter und Schwester überlebten die KZ-Haft. Hilde war nach 1945 weiter künstlerisch tätig, aber arbeitete hauptberuflich als Brillendesignerin. Mutter Anna arbeitete nach ihrer Rückkehr wieder als Notariatsbeamtin und war im KZ-Verband und in der Lagergemeinschaft Ravensbrück aktiv. Anna Wundsam starb 1987 in Wien. Nach der Befreiung begann Otto Wundsam seine künstlerische Ausbildung u.a. bei Gerda Matejka-Felden, Josef Dobrovsky und bei Herbert Böckl. 1947 heirate er seiner Frau Else. 1948 folgte die Geburt der Tochter Inge. Um seine Familie zu erhalten, brach er seine Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste ab und begann bei der ÖBB zu arbeiten. Otto Wundsam nahm im fortgeschrittenen Alter die Tätigkeit als Zeitzeuge auf und widmete sich später wieder mehr seiner künstlerischen Tätigkeit. Er starb 2014 in Wien.

 

Goethehof, Schüttaustraße 1-39

Der in den Jahren 1928 bis 1930 von den Architekten Hugo Mayer, Alfred Chalusch, Karl Hauschka, Heinrich Schopper, Victor Mittag, Rudolf Frass und Johann Rothmüller erbaute Goethehof umfasst 784 Wohnungen. Wir beschäftigen uns mit einer Familie, die ab 1931 hier im Goethehof gewohnt hat. Der Vater Jakob Meisel stammte aus der Westslowakei, (geb. am 2. April 1876 in Neustadt an der Waag/Nové Mesto nad Váhom), arbeitete ab 1903 als selbstständiger Tischler in Wien und war jüdischer Herkunft. Er heiratete Friederike Brod, die in Wien als Weißnäherin arbeitete und drei gemeinsame Söhne zur Welt brachte: Alexander (Jg. 1904), Paul (Jg. 1909) und Josef (Jg. 1911). Nach dem frühen Tod seiner Frau 1925 heiratete Jakob Meisel Johanna Stern, die im Februar 1928 den gemeinsamen Sohn Karl zur Welt brachte. Sie wohnten in Brigittenau, in einem Zinshaus. Die Wohnung bestand aus einem Zimmer und der Küche. 1931 zogen Jakob Meisel mit seiner Frau Johanna und den Kindern in die Gemeindewohnung im Goethehof auf Stiege 29. Jakob Meisel und seine Söhne Paul und Josef waren in der Arbeiterbewegung aktiv. Jakob gehörte ab 1900 der Sozialdemokratischen Partei an, bevor er 1929 zur KPÖ überwechselte. Paul und Josef waren zunächst Mitglied der Kinderfreunde, im Arbeiter Turnverein und in der Sozialistischen Arbeiterjugend, schlossen sich aber 1925 dem Kommunistischen Jugendverband (KJV) an. Sowohl Paul als auch Josef Meisel gerieten aufgrund ihrer politischen Aktivitäten widerholt ins Visier von Polizei und Justiz. Jakob Meisel und seine Söhne waren im Goethehof aktiv an den Februarkämpfen 1934 beteiligt. Nach der Flucht nach Brünn gelangte Jakob Meisel Ende April 1934 mit dem ersten Schutzbundtransport in die Sowjetunion, sein Sohn Josef folgte im Juni 1934. Im August 1934 ließ Jakob seine Frau Johanna und seinen jüngsten Sohn Karl nach Charkiv nachkommen. Auch Paul kam im August 1934 mit seiner Lebensgefährtin nach Charkiv, wo er als Dreher im gleichen Betrieb wie sein Vater arbeitete. Paul Meisel wurde am 21. September 1937 unter der Anschuldigung, einer „konterrevolutionären faschistischen Spionage- und Diversantenorganisation“ anzugehören, vom NKWD verhaftet. Noch im Dezember 1937 wurde seine Ausweisung beschlossen und im Mai 1938 wurde er an die polnische Grenze gebracht. Nach seiner Ankunft in Wien am 20. Mai 1938 wurde Paul Meisel von der Gestapo vernommen und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Im März 1942 wurde Meisel in KZ Natzweiler eingeliefert und im Oktober 1942 ins KZ Auschwitz überstellt, wo er am 22. Jänner 1943 ermordet wurde.

Jakob Meisel gelangte im Oktober 1937 mit Hilfe der österreichischen Gesandtschaft in Moskau nach Wien zurück. Nach dem „Anschluss“ Österreichs wurde er im Juni 1938 von der Gestapo einvernommen. Er musste sich dazu verpflichten, binnen Wochen das Reichsgebiet zu verlassen. Im Juli 1938 gelangte er nach Polen. Er dürfte auf sowjetisches Territorium geflohen sein, denn Jakob Meisel wurde in Lwiw verhaftet und ins nordrussische Archangelsk verbannt, wo er bald nach seiner Ankunft flüchtete. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Alexander Meisel, sein ältester Sohn, entwickelte sich in Wien zu einem der bekanntesten Sportjournalisten Österreichs. Er schrieb für das „Wiener Tagblatt“ und den „Telegrafen“. Verheiratet war er mit der Schauspielerin und Eiskunstläuferin Olly Holzmann, die 1938 intervenierte, als er mit einem der ersten Transporte ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert wurde. Er war nach wenigen Wochen wieder frei und wurde an die Grenze zur Tschechoslowakei gebracht. In Prag wurde Meisel am 31. Oktober 1939 von der Gestapo erneut verschleppt. Er starb am 24. Februar 1942 im KZ Sachsenhausen. Sein Bruder Josef wurde nach seiner Ankunft in Moskau an die Internationale Lenin-Schule delegiert, die er bis August 1936 besuchte. Danach wurde er nach Österreich zurückgeschickt, um illegale Arbeit im Widerstand gegen die austrofaschistische Diktatur zu leisten. Im Mai 1938 ging Meisel nach Spanien, um hier in den Internationalen Brigaden gegen die faschistischen Generäle zu kämpfen. Nach der Niederlage der Spanischen Republik ging Meisel mit anderen Spanienfreiwilligen nach Frankreich und kehrte 1943 nach Wien zurück, wo er verhaftet wurde und nach Auschwitz deportiert wurde. Dort traf er u.a. auf Rudolf Friemel, Alfred Klahr und Hermann Langbein. Am 22. Juli 1944 organisierte die internationale Lagerorganisation die Flucht von Meisel und des Spanienkämpfers Szymon Zejdof-Wojnarek. Meisel war damit der einzige Nichtpole, der die Flucht aus Auschwitz überlebte.

Im September 1945 kam er nach Wien zurück. Er wurde Landessekretär der KPÖ Niederösterreich und blieb dies bis Juli 1966. Bis 1969 gehörte er dem Zentralkomitee der KPÖ an. Im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes war Meisel ehrenamtlicher Mitarbeiter. Als Zeitzeuge war er ein Gesprächspartner in Schulen und bei politischen Veranstaltungen. Josef Meisel starb am 11.Februar 1993 in Wien.
(Gekürzte Version der Biografien von Familie Meisel - verfasst von Manfred Mugrauer /DÖW)

 

Schüttauhof, Am Kaisermühlendamm 55-57/Schiffmühlenstraße 58-64

Am 20. Oktober 1926 wurde die städtische Wohnhausanlage, die 1924 bis 1925 errichtet wurde, hier am Kaisermühlendamm als "Schüttauhof" benannt. Der Name bezieht sich auf die ehemalige Donauinsel "Schütt", auf der sich einst Auen befanden. Diese Insel ist seit der Donauregulierung in den 1870er-Jahren nicht mehr existent. Architekt Ludwig Tremmel (1875-1964) absolvierte die Meisterschule von Viktor Luntz an der Akademie der bildenden Künste Wien. Eines seiner frühen Bauwerke in Wien ist das Gebäude des Hygieneinstituts der Universität Wien in der Kinderspitalgasse 15. Alfred Stutterheim (1879-1929) studierte an der Technischen Hochschule Wien bei Karl Mayreder, Karl König und Max Ferstel. 1905 und 1906 arbeitete er in Ferstels Atelier. Anschließend ging Stutterheim ins tschechische Troppau, wo er bis 1909 im Stadtbauamt wirkte. Alfred Rodler (1881-1948) studierte von 1902 bis 1905 an der Technischen Hochschule Wien bei Heinrich Ferstel und Karl Mayreder und von 1906 bis 1908 bei Friedrich Ohmann an der Akademie der bildenden Künste Wien. Alfred Rodler wurde 1906 Assistent von Karl Mayreder an der Technischen Hochschule Wien.

Auf Stiege 7 des Schüttauhofes, Tür Nr. 14, wohnten bis 1939 der Antiquitätenhändler Max Deutsch (geb. 6. September 1889), seine Ehefrau Isabella (geb. am 6. August 1901) und Sohn Friedrich, der am 30. August 1925 in Wien zur Welt gekommen war, in einer Wohnung, die aus einem Zimmer und Küche bestand. Max und Isabella hatten 1921 in Wien geheiratet. Im gleichen Jahr, am 1. Dezember kam Tochter Getrud zur Welt, die nur wenige Tage alt wurde. Der Kündigung durch den Wiener Magistrat begegnete Familie Deutsch nicht mit sofortigem Auszug. Max Deutsch schrieb Anträge, ging vor Gericht und es gelang ihm die Delogierung aus der Wohnung, bis in den Juni 1939 aufzuschieben. Sohn Friedrich begann nach dem „Anschluss“ mit der Umschulung zum Automechaniker. Nach der Delogierung im Juni 1939 musste die Familie Deutsch in die Wiesingerstraße 6 in die Innere Stadt ziehen, wo mehr als 35 delogierte Wiener Jüdinnen und Juden unterkamen. Friedrich war in den verbleibenden Monaten in Wien in Breitenlee in der Schottergrube als Hilfsarbeiter verpflichtet. Mit dem Transport am 26. Jänner 1942 wurden Max, Isabella und Friedrich nach Riga deportiert. Max und Isabella wurden dort ermordet. Sohn Friedrich überlebte. In einem Antragschreiben zur Unterstützung an die ISO aus dem Jahr 1951 gab Friedrich an, dass seine Eltern in Riga mit Gas ermordet wurde. Aus dem Ghetto von Riga kam er selbst ins KZ Riga-Kaiserwald, wo er in der KZ-eigenen Autowerkstätte arbeitete. Von dort wurde Friedrich im Jänner 1944 ins KZ Stutthof nördlich von Danzig überstellt und musste schließlich in der Schichtau Werft bei Danzig Zwangsarbeit leisten. Nach der Befreiung im Mai 1945 und Erholungsaufenthalten in verschiedenen Krankenhäusern in Danzig kam der knapp 20jährige Friedrich nach Wien zurück. Es war ihm, laut der Angaben in diesem Antragsschreiben in den ersten Nachkriegsjahren nicht möglich, eine Existenz in Wien aufzubauen. Seine traumatische Belastung zeigt sich in folgenden Zeilen: Meine ganze Familie wurde 1942 ins KZ deportiert. Nur ich kam mit dem Leben davon. Hier haben sich die Menschen gar nicht geändert, sie denken über uns genauso wie vor 10 Jahren. Ich kann unter diesen Menschen nicht leben, ich fürchte mich, die Verfolgungen könnten sich wiederholen. Ich möchte in ein wirklich demokratisches Land, in dem ich mir ohne Furcht eine Existenz aufbauen kann.“

Zum Zeitpunkt der Antragstellung wohnte Friedrich Deutsch wieder in der Zimmer-Küche-Wohnung auf Stiege 7, Tür Nr. 14, aus der er mit seinen Eltern 1939 delogiert worden war. 1997 gab Friedrich Deutsch in Wien der USC Shoah Foundation ein Interview.